Weltliche Trauerreden

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Im weiteren Seitenverlauf finden Sie eine Trauerrede als Muster.

Wer noch zusätzliche Inspiration benötigt, dem sei dieses Buch (Mit Worten begraben: Traueransprachen entwerfen und gestalten von Klaus Dirschauer) ans Herz gelegt!

Diese Seite ist noch ausbauwürdig, aus diesem Grunde ist der Ersteller der Homepage froh, wenn ihm noch die eine oder andere Trauerrede zur Verfügung gestellt werden könnte! Persönliche Daten werden im Text selbstverständlich geschwärzt.

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1.

 

Liebe Ute, liebe Angehörige, liebe Trauernde!

 

Wie von meinem Vorredner bereits angesprochen, war sich Vallabh Patel der Einmaligkeit des menschlichen Lebens stets bewusst, wie der Titel seines letzten Buches „Du hast nur ein Leben zum Glück“ unmissverständlich ausdrückte. Als geistiger Vater des Gesprächskreises der Säkularen Humanisten in Neuburg war für ihn rationales und kritisches Denken eines der höchsten Lebensziele. Rationales Denken und Religiosität waren für ihn nicht vereinbar.

Eine wie hierzulande üblich, christlich geprägte Rede, die sich auf immer noch weithin verbreitete Jenseitsvorstellungen beruft, die auf den weltanschaulichen Gehversuchen eines bronzezeitlichen Wüstenvolkes basieren, scheint mir demnach unangebracht.

Ein standardisiertes Repertoire an Floskeln voller falscher Hoffnung und Aussagen wie der Verstorbene würde jetzt mit Jesus gehen, eine bessere Existenz erleben und wir erhielten eine weitere Chance auf ein Wiedersehen, erscheint mir als falsch und leer. Aussagen wie diese haben mich persönlich in der Vergangenheit und in Momenten wie diesen eher mit Ärger erfüllt als Trost gespendet.

Der Kosmologe Lawrence Krauss hat es meiner Ansicht nach mit treffenden Worten so besser auf den Punkt gebracht: „Vergesst Jesus, die Sterne sind für Euch gestorben, damit ihr leben könnt!“. Er spielte damit auf die Erkenntnis an, das schwere Elemente während des Lebenszyklus eines Sterns gebildet wurden, die dann am Ende der Kernfusion in einer explodierenden Supernova im Universum verteilt wurden, und somit die Grundlage für das Leben auf der Erde gebildet haben.

Auf diese Weise betrachtet, kann auch Vallabh Patels Lebensweg mit dem eines Sterns verglichen werden. Jedoch nicht mit unserer Sonne, die als unbedeutender Hauptreihenstern viel zu klein ist um die Kernfusion bis zum Ende zu durchlaufen, und letztendlich in Vergessenheit erkalten wird. Vallabh Patels Leben erinnert mich vielmehr an den Lebenszyklus eines Blauen Riesen, der während seines Lebens viel Energie spendete, alle Reserven bis zum Ende aufbrauchte und durch seine immense Masse, zur Supernova wurde, deren Auswirkungen und lebensspendende Kraft weit über sein Vergehen hinaus sichtbar und spürbar sind. Ebenso leben Vallabh Patels Gedanken weiter in seinen Büchern, Vorträgen, Kunstwerken und in allen den Menschen, die er durch sein Handeln und Wirken berührt hat. In meinen Ausführungen möchte ich mich auf einen kleinen Teil seines vielfältigen Lebens beschränken, in dem er auch mich berührt hat und sich unsere beiden Wege kreuzten: Vallabh Patel als Gründer der Säkularen Humanisten und Vallabh Patel als Künstler.

 

Der Künstler Vallabh Patel war Fotomaler. Fotomalerei war als er damit begann ein absolutes Novum und bedeutete für Vallabh Patel, den fotografischen Prozess aktiv zu beeinflussen, also ein Malen mit der Kamera. Dabei werden Negative der analogen Kamera bis zu 450mal belichtet, die Kamera beim Belichten gedreht, das Licht durch zerknüllte Alufolie oder Reflexionen am Objektiv manipuliert oder der Film nachträglich durch Bügeln oder Zerkratzen mit einem Skalpell verändert. Seine Vorgehensweise war bis ins letzte Detail geplant, ein langwieriger Arbeitsprozess, der bis zu 8 Stunden in Anspruch nehmen konnte. Dabei war eine Störung, nach Aussagen seiner Frau bei „Todesstrafe“ verboten. Insgesamt schuf Vallabh Patel ein Werk, das 60.000 Dias umfasst, und dessen Erfolg so groß war, dass es in Teilen im „Museum for Modern Art“ in New York ausgestellt wurde.

Vallabh Patel war sich bewusst und betonte immer wieder, dass er nie die Möglichkeit gehabt hätte seine künstlerische Begabung zu entdecken, wäre er in Indien geblieben.

Vielleicht gab er auch deshalb Volkshochschulkurse um seine Freude an der Fotomalerei zu teilen und zeigte seine Dias auf Weltkongressen oder vor philosophischen Vorträgen, die er so mit märchenhaften Dias und atemberaubenden Aufnahmen von Indien bereicherte.

Seine Bilder zieren außerdem Buch- und Schallplattencover, darunter auch Aufnahmen von Stücken des russischen Komponisten Alexander Skrjabin, dessen synästhetische Kompositionen Ausdruck in den bunten Farben Vallabh Patels fanden.

Ein Werk Vallabh Patels ist mir besonders in Erinnerung geblieben, da es wie meine eigene künstlerische Arbeit auch wissenschaftliches Denken mit künstlerischer Ausdrucksweise verbindet. Dabei handelt es sich um eine auf den ersten Blick abstrakte Komposition einer Vielzahl konzentrischer Kreise, die jedoch bei genauerer Betrachtung eine Analogie zum Beginn unseres Universums darstellen. Dabei läuft nach den Theorien des Astrophysikers John Gott die Zeit zunächst zirkulär, und repräsentiert damit ein Weltbild, das ohne einen Schöpfergott auskommt, aber dennoch schlüssig ist.

 

Wissenschaftliches Denken stand auch bei seiner Leitung der Säkularen Humanisten immer im Mittelpunkt. Als Gründer des Gesprächskreises war Vallabh Patel für mich mehr als nur der Leiter einer interessanten Runde. Er war zugleich Vorbild, Mentor und ohne dass wir jemals persönlich darüber sprachen, zugleich Vaterfigur als ich 2013 begann mich bei den Säkularen Humanisten zunehmend zu engagieren. Meinen leiblichen Vater hatte ich kurz zuvor an ein Krebsleiden verloren.

Noch heute kann ich mich gut an den Besuch in Schloss Grünau erinnern, als ich Vallabh Patel besuchte um die Übergabe der Leitung der Säkularen Humanisten zu besprechen. Besonders erinnerungswürdig war für mich eine persönliche Führung durch seine umfassende und faszinierende Bibliothek mit Werken zu Religionskritik und Humanismus. Vorbilder, die sich in bewundernswerter Weise für rationales Denken und ein wissenschaftliches Weltbild einsetzen hatte ich bereits genügend. Richard Dawkins, Dan Dennett, Christopher Hitchens um nur einige zu nennen. Aber selbst in der Präsenz eines großen Denkers und Philosophen stehen zu dürfen und auf seine literarischen Einflüsse blicken zu dürfen, war für mich ein großartiges und einzigartiges Erlebnis.

Neben zahlreichen Büchern zu Wissenschaft, Bibelkritik und Aufklärung stand allen voran das Werk Bertrand Russells als größter Einfluss auf den Philosophen Vallabh Patel.

Russell hat es einmal so ausgedrückt: „Viele Menschen würden eher sterben als denken, und in der Tat: sie tun es!“

Und genau das wollte Vallabh Patel vermeiden:

Kritisch-rationales und wissenschaftliches Denken zu vermitteln war eines seiner Hauptanliegen bei der Gründung der Säkularen Humanisten. Dabei ging es ihm darum, interessierte Menschen mit dem notwendigen kognitiven Handwerkszeug auszurüsten um die oftmals verworrenen Denksysteme und Einflüsse verschiedener religiöser Systeme zu durchschauen und sich besser davor schützen zu können. So thematisierte er das ganze Spektrum von dem von ihm humorvoll bezeichneten „Wischi-Waschi-Christentum“, das überwiegend durch die Sozialisation und die Unwissenheit seiner Mitglieder in unseren Breiten aufrechterhalten werden kann bis hin zu den Gefahren des hierzulande größtenteils importierten wissenschaftsfeindlichen Fundamentalismus verschiedener exotischer Strömungen, die zum Beispiel das Aussterben der Dinosaurier auf den geringen Platz auf der Arche zurückführen. Logisches Denken und das Erkennen krummer Argumentationstechniken waren für ihn genauso wichtig wie das Kennen und Verstehen des Standpunktes des Gegenübers und propagierte somit auch das Bibellesen. Und tatsächlich vermittelte Vallabh Patel oft den Eindruck als kenne er die Bibel besser als der Papst. So gelang es ihm zum Beispiel überzeugend den Standpunkt eines Geistlichen in seiner Rolle als Bischof Patelissimo einzunehmen und die Teilnehmer des Gesprächskreises zu überraschen.

Trotz kritischer Auseinandersetzung mit der Thematik war es Vallabh Patel stets wichtig, dass der Gesprächskreis offen bleibt für religiöse und nichtreligiöse Teilnehmer, und der Umgang miteinander sachlich und respektvoll geführt wurde. Nicht das Durchsetzen der eigenen Meinung sondern eine zivilisierte Diskussion stand im Vordergrund. Ein friedlicher Dialog, der das das glückliche Zusammenleben im Diesseits ermöglicht, unabhängig davon was der einzelne glaubt.

 

Eine reine Konzentration auf das Leben und die damit einhergehende Existenz ohne Erwartung eines Nachlebens wirkt für viele unserer Mitmenschen erschreckend und sinnlos, ohne dass sie dabei wirklich erkennen welchen Preis sie bezahlen, wenn sie den Blick allzu sehr auf den Himmel lenken. Das Wissen um Vergänglichkeit und die Akzeptanz der Endlichkeit des menschlichen Lebens zeigt aber gerade darin seinen Wert, dass es den Focus auf das Leben lenkt – das Glück liegt diesseits des Todes – wie Vallabh Patel immer betonte. Welchen Grund gäbe es am Morgen aufzustehen und wichtiges zu erledigen, wenn man die Ewigkeit zur Verfügung hat – wenn sich die Dringlichkeit Leistungen zu erbringen auflöst – wenn der Moment seine Bedeutung verliert, jetzt zu leben und zu lieben und nicht später?

Vallabh Patel hat seinem Leben einen rationalen beweisbaren Sinn gegeben, der auf Vernunft beruht und sich an unserer erfahrbaren Lebenswirklichkeit orientiert.

 

Somit ist der heutige Tag für mich kein Abschied in der Hoffnung auf ein jenseitiges Wiedersehen, sondern ein Abschied in tiefer Dankbarkeit für die Zeit, in der ich Vallabh Patel kennen durfte.